
Der Rheinturm Zons wird nicht restauriert, sondern neu interpretiert: Er wird zur begehbaren Zeitachse, die 630 Jahre Stadtgeschichte vertikal verdichtet und wieder in Bewegung versetzt.
Kontext und Herausforderung
Mitten im historischen Gefüge von Dormagen-Zons steht der Rheinturm als ehemaliger Zoll- und Wehrturm für Kontrolle, Grenze und Dauer. Über Jahrzehnte war dieses Bauwerk zwar präsent, jedoch unzugänglich – ein verschlossener Körper im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Die dichte, denkmalgeschützte Umgebung und die starke symbolische Aufladung des Turms ließen keine gestalterische Beliebigkeit zu, sondern verlangten nach einem präzisen architektonischen Umgang.
Die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Dormagen formulierte den Auftrag, den Turm nach rund 25 Jahren Schließung wieder für die Öffentlichkeit zu öffnen und ihn als kulturellen Ort neu zu verorten. Zentrale Herausforderung waren die brandschutztechnischen Anforderungen eines vertikal organisierten, mittelalterlichen Bauwerks. Die Aufgabe bestand darin, die Aspekte Sicherheit, Zugänglichkeit und Denkmalpflege nicht als konkurrierende Disziplinen zu behandeln, sondern sie zu einer gemeinsamen architektonischen Haltung zu verschmelzen.
Entwurfskonzept und Lösung
Unser Konzept basiert auf der kontrollierten Intervention. Die historische Substanz wird nicht überformt, sondern konserviert. Neue Elemente treten klar als zeitgenössische Ergänzungen in Erscheinung. Alt und Neu stehen in Spannung zueinander, jedoch nicht um des Kontrasts willen, sondern als sichtbare Schichtung von Zeit.
Der Turm selbst wird so zum Medium der Erzählung. Als vertikaler Zeitstrahl organisiert er die Geschichte nicht nur chronologisch auf Tafeln, sondern räumlich im Aufstieg. Die unteren Ebenen thematisieren die frühesten Phasen von Turm und Stadt, während sich mit jeder weiteren Etage der historische Horizont erweitert. Ausstellung und Architektur greifen ineinander: Der Weg durch den Turm ist zugleich eine Bewegung durch die Zeit.
Den architektonischen Kulminationspunkt bildet die oberste Ebene. Hier wird der Turm nicht nur betrachtet, sondern er wird zur Beobachtungsplattform. Der umlaufende Besucherweg und die neu erschlossene Dachfläche eröffnen einen Blick auf Zons und seine Umgebung – die Stadt wird selbst zum Exponat. Die neu eingefügte Wendeltreppe fungiert dabei als räumliches Bindeglied zwischen Geschichte und Gegenwart und übernimmt zugleich die Funktion des zweiten Rettungswegs. Durch ihre zeitgenössische Formensprache ist der Eingriff bewusst ablesbar, ohne die Dominanz des Bestands infrage zu stellen. Auch brandschutztechnische Maßnahmen, wie die ertüchtigten gusseisernen Fenstergitter, werden nicht kaschiert, sondern sind integraler Bestandteil der architektonischen Ordnung.
Wirkung
Die Reaktivierung des Rheinturms transformiert ein verschlossenes Denkmal in ein öffentliches Narrativ. Der Turm wird nicht museal fixiert, sondern als wandelbarer Resonanzraum verstanden, in dem Geschichte, Stadt und Besucher in Beziehung treten. Das Projekt erweitert den Denkmalbegriff um eine zeitgenössische Dimension: Erhalt bedeutet hier nicht Stillstand, sondern Lesbarkeit über die Zeit hinweg.
Der Rheinturm Zons wird damit zu einem architektonischen Instrument, das Vergangenheit nicht bewahrt, sondern erfahrbar macht – und die Stadt im Spiegel ihrer eigenen Geschichte neu sichtbar werden lässt.

















